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Angezählt - warum zählen beim Spaziergang ne gute Idee ist
02.02.2020 10:20

Kennt ihr das auch? Ihr seid ungeduldig, rastlos, das Wetter ist blöd oder ihr habt schon die nächsten Termine im Nacken und der verfluchte Hund muss an jeder verfluchten Hausecke/Baum/Busch/Pfeiler/Laterne/was auch immer drei Millionen Jahre lang schnuppern?! Mit jedem Anhalten steigt der Puls, fordert ihr euren Hund früher auf, jetzt endlich mal in den Quark zu kommen, zwingt ihn weiter und lasst ihn nur noch neben euch laufen, damit er erst gar nicht in Versuchung kommt, die Botanik links und rechts des Weges einer eingehenderen Prüfung zu unterziehen?

STOPP!

Warum geht ihr noch gleich raus mit eurem Hund? Damit er seine Geschäfte erledigen kann und Bewegung bekommt (und ihr gleich mit). Aber doch auch, damit er mal was anderes sieht als nur sein Zuhause, damit er rauskommt und was erlebt. Euer Hund "sieht" anders als ihr!

Sehen ist in diesem Zusammenhang wohl auch das falsche Wort. Wahrnehmen trifft es besser! Er möchte seine Umwelt wahrnehmen, mit allen Sinnen! Den Wind im Fell spüren, in die Ferne blicken, lauschen, ob es im Gebüsch irgendwo raschelt und vor allem riechen, riechen, riechen. Die Gerüche werden inhaltiert, schmelzen auf der Zunge und es ist soo, sooo spannend, was genau dieser Geruch an genau dieser Ecke zu erzählen hat. Das bekommen wir nicht mit!

An einem langen langsamen Sonntagnachmittag im Wald ist das ja alles ganz wunderbar, aber morgens auf dem Weg zur Arbeit, in der kurzen Pipipause um halb elf, in der halben Stunde bevor die Lieblingsserie beginnt?!

Für mich ist es die Pipipause um halb elf!

Chandu soll doch bitte schnell machen, damit ich noch schneller an den Schreibtisch zurückkomme und damit sich niemand ärgert, dass ich "schon wieder stundenlang" mit dem Hund draußen bin. Schließlich bin ich darauf angewiesen, ihn (oder auch die anderen) mit in die Arbeit nehmen zu können. Da will man ja nicht negativ auffallen... "Schon wieder stundenlang" ist in diesem Zusammenhang eine rein subjektive Wahrnehmung und dauert in der Realität meistens so zehn Minuten.

Ungeduld ist ein schlechter Ratgeber und lässt uns kurze Momente wie Ewigkeiten empfinden. Tatsächlich haben wir gar kein Gefühl mehr dafür, wie lange der Hund tatsächlich schnuppert.

Einem spontanen Impuls folgend habe ich das Zählen begonnen.

In meinem Kopf,ganz langsam...... 21....22......23 (wobei es natürlich eher darum ging, den Hund lautlos anzuzählen und auf der imaginären 24 dann mit ihm weiterzuhetzen). Was ich aber niemals erwartet hätte, war, dass Chandu in den meisten Fällen schon bei 23 von selbst bereit war, weiterzulaufen. 3 Sekunden?! Ich habe keine Zeit, meinen Hund 3 (!) Sekunden schnüffeln zu lassen!?

Das darf doch wohl nicht wahr sein!

Ist es aber.

In der Hektik des Alltags verliert man nur zu oft jegliches Zeitgefühl und alles, was nicht effizient ist, ist schneckenlangsam und nervt. Aber mal ehrlich, Effizienz hat auch auf dem Hundespaziergang nichts verloren, nicht mal in der zehn Minuten Pipipause.

Daher habe ich mir das Zählen inzwischen aktiv angewöhnt, vor allem um wieder ein Gefühl dafür zu bekommen, wie lange die Schnüffelei tatsächlich dauert. Und egal, wie eilig ich es habe, 10 Sekunden habe ich immer! Und die bekommen alle meine Hunde nun immer, wenn sie eine interessante Duftnote in der Nase haben. Erstaunlicherweise bringt mich das sogar runter und entschleunigt und hilft, auch die kleinen Runden wieder zu erleben und zu genießen.

Und bevor sich jetzt wieder jemand aufregt:
Wir sind natürlich täglich stundenlang in Wald und Flur unterwegs und natürlich haben alle Hunde weit mehr als zehn Sekunden Schnüffelzeit! Darum geht es hier nicht. Es geht um die Alltagshetze und wie sehr wir alle uns oft davon mitreißen lassen und um einen Weg, genau dies einfach mal ein wenig auszuhebeln.

Für mich funktionierts!

Und ganz nebenbei wird mir wieder bewusster, warum es so wichtig ist, dass Hunde auch mal Hunde sein dürfen. Auch bei unseren langen Touren mit ganz viel Zeit macht es mir nun noch mehr Spaß, meine vier Lieblinge schnuppern und am Wegesrand stöbern zu lassen.

Seht hin! Lasst euch anstecken von der kindlichen Freude und Abenteurlust eurer Hunde, denn sie wissen noch wie das geht!

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